Alter, chill mal!
Über Ehrgeiz, gescheiterte Träume und ein gutes Leben
26.01.2026
Manchmal sagt mein Sohn Dinge, die treffen unangenehm genau.
Neulich meinte er zu mir – ohne große Vorrede, ohne pädagogische Verpackung: "Alter, chill mal."
Ich musste lachen.
Und dachte im nächsten Moment (nach dem Wie redest du eigentlich mit mir?!): Verdammt, er hat recht.
Nicht, weil ich laut wäre. Oder hektisch.
Sondern weil in mir oft eine Grundspannung herrscht, die schwer abzuschalten ist.
Dieses innere "Weiter", auch wenn gerade eigentlich nichts Dringendes ansteht.
Das war nicht immer so.
Aber es hat eine Geschichte.
Der Traum war nie ein Hobby
Ich wollte Musiker werden.
Schon ziemlich früh. Seit ich 8 Mile im Kino gesehen habe.
Damals war das kein diffuses "Wäre doch cool"-Gefühl, sondern ein echtes Ziehen.
Dieses Gefühl, dass da etwas ist, das mehr ist als Schule, mehr als späterer Beruf, mehr als Vernunft.
Mit 19 habe ich mich getraut, das ernst zu nehmen.
Erst als Solokünstler.
Dann haben mein bester Freund und ich eine Band gegründet.
Und nein – das war keine Garagenromantik (Wir hatten anfangs unser "Studio" in meinem alten Kinderzimmer).
Wir hatten viele Auftritte. Teilweise große.
Wir haben eigene Alben produziert, eigene Videos gedreht – zu einer Zeit, in der das noch nicht so selbstverständlich war wie heute.
Wir hatten einen Verlag.
Es gab Label-Interesse.
Das war kein Luftschloss.
Das war ein ernsthafter Versuch, etwas aufzubauen.
Das Ende kam nicht mit einem Knall
Es gab nicht diesen einen Moment, an dem alles zerbrach.
Keinen dramatischen Abschied. Keine letzte Probe mit Tränen.
Es kam schleichend.
Das Studium neigte sich dem Ende zu.
Das Thema Geld wurde realer.
Und wir waren viele in der Band – mit sehr unterschiedlichen Ambitionen.
Manche wollten alles.
Manche wollten vor allem Spaß.
Manche wollten Sicherheit.
Irgendwann wurde klar: So funktioniert das nicht dauerhaft.
Nicht, weil wir schlecht waren.
Sondern weil es kein gemeinsames Ziel mehr gab.
Und irgendwann kam dieser Punkt, an dem man es sich eingestehen muss: Es wird nicht klappen.
Nicht für das Leben, das vor einem liegt.
Nicht für die Verantwortung, die kommt.
Das Schwierige ist nicht das Scheitern – sondern das Danach
Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um diesen Traum wirklich zu begraben.
Nicht offiziell.
Innerlich.
Denn Träume verschwinden nicht einfach.
Sie verändern nur ihre Form.
Der Ehrgeiz war ja noch da.
Diese Lust, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Etwas, das mich trägt.
Also habe ich mich direkt nach dem Studium selbstständig gemacht.
Ohne großen Sicherheitsplan.
Ohne lange darüber nachzudenken, was passiert, wenn auch das nicht funktioniert.
Vielleicht auch, weil ich innerlich dachte: Das hier muss jetzt funktionieren.
Ich erinnere mich an ein Interview mit Marteria. Kein O-Ton, aber sinngemäß sagte er einmal: Er war auf dem Weg, Profifußballer zu werden. War Model. Hat vieles ausprobiert. Hat nicht funktioniert.
Und dann kam Musik – und die hat funktioniert.
So einfach ist das.
Diese Einfachheit hat mich inspiriert.
Vielleicht auch, weil ich ihn früher gehört habe.
Weil er nahbarer wirkte als andere Musiker. Weniger Pose, mehr Weg.
Vielleicht dachte ich: Okay. Dann halt Plan B. Aber richtig.
Ehrgeiz kann dich tragen oder auffressen
Rückblickend war diese Phase ambivalent.
Sie hat mich angetrieben.
Aber sie hat mich auch beschäftigt. Sehr.
Nicht ständig bewusst.
Eher im Hintergrund.
So eine leise Stimme, die fragt: Beweist du dir gerade etwas – oder baust du wirklich etwas Passendes?
Ich habe viel erreicht.
Ich habe gelernt, akzeptiert, weitergemacht.
Und ich glaube heute tatsächlich: Es musste wohl so kommen.
Nicht, weil es "besser" war.
Sondern weil es mein Weg war.
Aber das heißt nicht, dass es keine Spuren hinterlassen hat.
Musik als Konstante – nicht als Ziel
Musik ist trotzdem geblieben.
Nicht als Karriereidee, sondern als Konstante.
Vor allem eine.
Eminems Musik hat mich über Jahre begleitet. In guten Phasen. In beschissenen. In denen, in denen ich selbst nicht wusste, wo ich gerade stehe.
Das war für mich keine Unterhaltung. Das war Therapie. Roh, direkt, manchmal brutal ehrlich – aber immer ehrlich.
Und ja: Als ich Eminem 2010 zum ersten Mal live gesehen habe, habe ich geweint. Ein ganzes Jahrzehnt hatte ich darauf hingefiebert. Und in dem Moment ist einfach alles zusammengekommen.
Sorry – ich bin ein Stan. Und vermutlich verstehen das auch nur Stans.
Aber genau das meine ich mit Konstante: Etwas, das dich über Jahre begleitet, ohne etwas von dir zu verlangen.
Die Helden werden menschlich – und genau das erfüllt mich
Umso mehr erfüllt es mich heute, wenn ich die Helden meiner Jugend nach Konzerten persönlich sprechen kann.
Diese Menschen, die früher unerreichbar erschienen.
Ikonen. Projektionen. Stimmen aus einer anderen Welt.
Und plötzlich stehst du daneben.
Redest. Lachst. Ein Foto. Ein Handschlag.
Nicht entzaubert.
Sondern eingeordnet.
Es nimmt ihnen nichts. Im Gegenteil: Es macht ihren Weg greifbar.
Sport – vom Spiel zur Leistung und zurück
Sport war für mich lange etwas völlig anderes als heute.
Als Kind habe ich Sport gemacht, weil er Spaß gemacht hat.
Rausgehen. Rennen. Spielen.
Je älter ich wurde, desto mehr verschwand diese Leichtigkeit.
Spätestens ab etwa dreizehn galt nur noch eines: Fußball als Leistungssport.
Meister werden.
Aufsteigen.
Wieder Meister werden.
Nochmal aufsteigen.
Vielleicht irgendwann gescoutet werden.
Während andere ihre Jugend genossen, hieß es für mich: drei- bis viermal die Woche Training. Am Wochenende keine Party, wenn am nächsten Tag ein Spiel war.
Selbst auferlegt? Zum Teil.
Aber auch getragen von einer Logik, die sich früh festgesetzt hatte: Wenn man etwas macht, dann richtig. Mit Ziel. Mit Ehrgeiz. Mit Verzicht.
Vom Grundprinzip ist das nicht falsch. Auf keinen Fall. Aber es ist eine Gratwanderung zwischen gesundem Ehrgeiz und zermürbender Verbissenheit.
Mit siebzehn wurde mir – nach etlichen Dissonanzen mit meinem Trainer – klar: Ich ziehe einen radikalen Schlussstrich.
Nicht, weil ich keinen Ehrgeiz mehr hatte. Sondern weil ich einen Teil meines Lebens zurückhaben wollte.
Die andere Seite des Sports – und warum sie geblieben ist
Es gibt im Fußball noch eine andere Seite: Die passive. Und ich meine damit nicht die Rolle als Trainer. Denn dieses Thema habe ich auch schon durch.
Ich meine die Rolle als Fan.
Seit ich neun Jahre alt bin, gehört der FCK zu meinem Leben. Damals, als dieser Underdog die Liga aufgemischt, am Ende die Meisterschaft geholt und mein Herz erobert hat.
Vielleicht habe ich mir unterbewusst genau deshalb diesen Verein ausgesucht. Einen, mit dem man auch lernen kann, mit Niederlagen umzugehen.
Ich liebte – und liebe – diese Art Fußball. Wenn selbst die Großen nervös werden. Wenn man zur 80. Minute 0:2 hinten liegt und das Spiel trotzdem noch dreht. Koste es, was es wolle.
Das ist FCK.
Man sagt ja: Du suchst dir den Verein nicht aus.
Der Verein sucht sich dich aus.
Und dann wechselst du ihn nicht einfach wie eine Unterhose, wenn’s mal nicht gut läuft.
Passiv – und doch zutiefst aktiv
Als Fan im Stadion zu stehen, die Gesänge aus tiefster Lunge mitzubrüllen, mitzufiebern, als könnten die Fans den Ball gemeinsam über die Linie drücken – das ist etwas, das es für mich so nur dort gibt.
Diese Gefühle gibt es unabhängig davon, ob wir um internationale Plätze spielen oder gegen den Abstieg kämpfen.
Ich bin dem Verein treu geblieben. Und durch diese Treue habe ich etwas gelernt, das mir im Leben hilft: Man schafft nicht immer alles. Auch dann nicht, wenn man es noch so sehr will.
Fußball-Romantik funktioniert nicht immer. Hauruck-Aufstiege auch nicht.
Aber genau diese Akzeptanz hat mir geholfen, mehr im Moment zu leben.
Nicht resigniert.
Sondern gelassener.
Ich bin da sicher noch längst nicht am Ende meines Lernens. Aber es hilft.
All diese Konstanten helfen.
Und ich bin dankbar, dass es sie gibt.
Heute
Heute mache ich Sport, um den Kopf freizubekommen.
Nicht, um schneller zu werden.
Nicht, um stärker zu wirken.
Wenn ich jogge, dann nicht, um die nächste Route zu optimieren.
Wenn ich Kraftsport mache, dann nicht, um Muskelberge aufzubauen.
Ich mache es für mich. Um mich besser zu fühlen.
Und vielleicht ist das der rote Faden durch alles hier: Musik. Sport. Fußball. Arbeit.
Ich will nicht mehr alles erreichen.
Ich will nicht mehr alles erzwingen.
Manchmal reicht es, wenn etwas bleibt.
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